Bundesverfassungsgericht, Filesharing und Kinder

Das Bundesverfassungsgericht hat zur Entscheidung „Loud“ des Bundesgerichtshofs eine Verfassungsbeschwerde entgegengenommen und entschieden,…

Das Wichtigste in Kürze

  • Das Bundesverfassungsgericht hat die Rechtsprechung zur sekundären Beweislast bei Filesharing durch volljährige Kinder bestätigt.
  • Anschlussinhaber müssen den Namen des volljährigen Kindes nennen, das die Urheberrechtsverletzung begangen hat.
  • Der Schutz des Familienlebens (Art. 6 Abs. 1 GG) steht dieser Offenlegungspflicht nicht entgegen.
  • Schweigen im Prozess führt nicht zum Haftungsausschluss und kann negative prozessuale Folgen haben.
  • Es wird geraten, Filesharing zu vermeiden und Kinder über die Risiken aufzuklären, insbesondere da die Anwendbarkeit auf Minderjährige noch unklar ist.

Das Bundesverfassungsgericht hat zur Entscheidung „Loud“ des Bundesgerichtshofs eine Verfassungsbeschwerde entgegengenommen und entschieden, dass bei erwachsenen Kinder die sekundäre Beweislast des Anschlussinhabers erfordern würde, dass der Name des Kindes genannt wird, das die potenzielle Urheberrechtsverletzung über Filesharing Programme begangen hat. Es sah damit in der Entscheidung des BGH keine Grundrechtsverletzung.

Das Grundrecht auf Achtung des Familienlebens aus Art. 6 Abs. 1 GG stehe einer zivilprozessualen Obliegenheit der Inhaber eines Internetanschlusses nicht entgegen, zu offenbaren, welches Familienmitglied den Anschluss genutzt hat.. Mit dieser Begründung hat die 2. Kammer des Ersten Senats die Verfassungsbeschwerde eines Elternpaares gegen eine Verurteilung zu Schadensersatz und Erstattung von Abmahnkosten nicht zur Entscheidung angenommen, das zwar wusste, welches seiner Kinder Musikinhalte urheberrechtswidrig öffentlich zugänglich gemacht hatte, dies aber im Zivilprozess nicht offengelegt hatte. Aus Art.  6 Abs. 1 des Grundgesetz ergeben sich danach zwar ein Recht, Familienmitglieder nicht zu belasten, nicht aber ein Schutz vor negativen prozessualen Folgen dieses Schweigens.
Die vorhergehenden Instanzgerichte hätten mit ihren Entscheidungen somit das Grundrecht auf Achtung des Familienlebens aus Art. 6 Abs. 1 GG nicht verletzt. Zwar liege ein Eingriff in dessen Schutzbereich vor, der die Familie unter den besonderen Schutz des Staates stellt und auch das Verhältnis zwischen Eltern und ihren volljährigen Kindern umfasst. Familienmitglieder sind danach berechtigt, ihre Gemeinschaft in familiärer Verantwortlichkeit und Rücksicht frei zu gestalten. Allerdings sei diese Beeinträchtigung gerechtfertigt. Die Auslegung der entscheidungserheblichen Normen – § 97 Abs. 2 Satz 1, § 85 Abs. 1 UrhG in Verbindung mit § 138 ZPO erfolgte somit korrekt.

Der Bundesgerichtshof berücksichtigte, dass Rechteinhaber zur Durchsetzung ihrer Rechte in Filesharing-Verfahren regelmäßig keine Möglichkeit haben, zu Umständen aus dem ihrem Einblick vollständig entzogenen Bereich der Internetnutzung durch den Anschlussinhaber vorzutragen oder Beweis zu führen. Zugunsten der Klägerin als Inhaberin des Art. 14 GG unterfallenden Leistungsschutzrechts berücksichtigt er damit deren Interesse an einer effektiven Durchsetzung ihrer urheberrechtlichen Position gegenüber unberechtigten Verwertungshandlungen. Die Beeinträchtigung der familiären Beziehungen der Beschwerdeführer hält er dabei in Grenzen. Denn Familienangehörige müssen sich nicht gegenseitig belasten, wenn der konkret Handelnde nicht ermittelbar ist. Vielmehr tragen sie nur das Risiko einer für sie ungünstigen Tatsachenwürdigung, wenn sie die Darlegungs- und Beweisanforderungen nicht erfüllen. Die Möglichkeit, innerfamiliäre Spannungen und Verhältnisse durch Schweigen im Prozess zu verhindern oder jedenfalls nicht nach außen tragen zu müssen, führt umgekehrt nicht dazu, dass dieses Schweigen eine Haftung generell – also ohne prozessuale Folgen – ausschließen müsste. Die zur Wahrung von Art. 6 GG gewährte faktische „Wahlmöglichkeit“ im Zivilprozess, innerfamiliäres Wissen zu offenbaren oder aber zu schweigen, kann bei der Tatsachenwürdigung keinen Vorrang vor der Durchsetzung des Art. 14 GG unterfallenden Leistungsschutzrechts beanspruchen. Der Schutz der Familie dient nicht dazu, sich aus taktischen Erwägungen der eigenen Haftung für die Verletzung von Rechten des geistigen Eigentums zu entziehen. Der bloße Umstand, mit anderen Familienmitgliedern zusammenzuleben, führt nicht automatisch zum Haftungsausschluss für den Anschlussinhaber. Soweit die Beschwerdeführer geltend machen, es gebe bessere und im Verhältnis zu der Zivilrechtsprechung in ähnlich gelagerten Fällen konsistentere Lösungen für den Ausgleich zwischen den Rechtspositionen der Inhaber geistiger Eigentumsrechte und deren Nutzern, fällt dies verfassungsrechtlich nicht ins Gewicht. Ob es darüber hinaus gerechtfertigt wäre, dem Anschlussinhaber auch Nachforschungs- oder Nachfragepflichten aufzuerlegen, bedurfte keiner Entscheidung.

Ob diese Entscheidung auch auf minderjährige Kinder anwendbar ist, ist unterdessen unter Juristen strittig. Es spricht jedoch einiges dafür und meinen Rat, Filesharing Programme nur noch mit der Kneifzange anzufassen, sowie Kinder klar und deutlich über ein Verbot des Filesharings zu belehren.

Häufig gestellte Fragen

Welche Entscheidung traf das Bundesverfassungsgericht bezüglich Filesharing und volljährigen Kindern?
Das Bundesverfassungsgericht bestätigte die Entscheidung des Bundesgerichtshofs, wonach Anschlussinhaber bei Filesharing durch volljährige Kinder deren Namen nennen müssen, um ihrer sekundären Beweislast nachzukommen. Eine Grundrechtsverletzung sah das Gericht darin nicht.
Schützt Art. 6 Abs. 1 GG (Schutz des Familienlebens) Eltern davor, ihre volljährigen Kinder in Filesharing-Fällen zu benennen?
Nein, laut Bundesverfassungsgericht steht das Grundrecht auf Achtung des Familienlebens einer zivilprozessualen Obliegenheit, das nutzende Familienmitglied zu offenbaren, nicht entgegen. Es besteht zwar ein Recht, Familienmitglieder nicht zu belasten, jedoch kein Schutz vor negativen prozessualen Folgen des Schweigens.
Welche Konsequenzen drohen, wenn Eltern die Identität des urheberrechtsverletzenden Kindes nicht offenlegen?
Eltern tragen das Risiko einer für sie ungünstigen Tatsachenwürdigung, wenn sie die Darlegungs- und Beweisanforderungen nicht erfüllen. Schweigen im Prozess kann eine Haftung nicht generell ausschließen und führt zu prozessualen Folgen.
Gilt diese Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts auch für minderjährige Kinder?
Die Anwendbarkeit der Entscheidung auf minderjährige Kinder ist unter Juristen strittig. Der Autor rät jedoch zur Vorsicht und empfiehlt, Filesharing-Programme nur mit äußerster Zurückhaltung zu nutzen und Kinder klar über ein Verbot des Filesharings zu belehren.