Das Wichtigste in Kürze
- Der Digital Services Act (DSA) verschärft Transparenz- und Rechenschaftspflichten für große Online-Plattformen und alle Akteure im Influencer-Marketing.
- VLOPs müssen umfassende Offenlegungen zu Werbung, Algorithmen und Content-Moderation machen, inklusive der Bereitstellung nicht-personalisierter Feeds.
- Influencer und Agenturen müssen Werbeinhalte konsequenter kennzeichnen, da Verstöße zu erheblichen Haftungsrisiken und behördlichen Strafen führen können.
- Nutzer und Creator erhalten durch den DSA neue Rechte auf Begründung und Einspruch bei Moderationsentscheidungen, was ihre Position gegenüber Plattformen stärkt.
- Proaktive Compliance und Investitionen in transparente Prozesse sind für Creator und Agenturen unerlässlich, um rechtliche Risiken zu minimieren und Vertrauen aufzubauen.
Der Digital Services Act (DSA) revolutioniert die Plattformregulierung in der EU und bringt umfassende Änderungen für große Online-Plattformen sowie alle Akteure im Influencer-Marketing mit sich. Insbesondere werden Transparenz und Rechenschaftspflichten deutlich verschärft. Dies hat weitreichende Auswirkungen auf die tägliche Arbeit von Creatorn, Agenturen und Unternehmen.
Im Folgenden fassen wir die zentralen Punkte zusammen:
- Strengere Transparenzpflichten für Plattformen: Der Digital Services Act (DSA) zwingt Very Large Online Platforms (VLOPs) wie TikTok, Instagram, YouTube und X (Twitter) zu umfassender Offenlegung. Diese reichen von Werbeinformationen bis hin zu Empfehlungsalgorithmen. Nutzer sollen klar erkennen, wann es sich um Werbung handelt und warum sie bestimmte Inhalte sehen.
- Einfluss auf Influencer-Marketing: Für Influencer und Creator bedeutet dies eine schärfere Werbekennzeichnung und potenziell veränderte Reichweiten-Mechanismen. Versteckte Ads gelten als illegal. Gleichzeitig beeinflussen Änderungen an den Recommender-Systemen die Content-Verteilung. Auch die Content-Moderation wird transparenter, da Plattformen entfernte Inhalte begründen und Einsprüche ermöglichen müssen.
- Erste Durchsetzungen der EU: Die EU-Kommission greift bereits hart durch. Verfahren laufen gegen X/Twitter wegen möglicher DSA-Verstöße, darunter mangelhafter Moderation und fehlender Werbetransparenz. Auch TikTok steht wegen unzureichender Anzeigen-Archive in der Kritik.
- Neue Haftungsrisiken für Agenturen: Social-Media-Agenturen und Managements können sich den verschärften Influencer-Marketing-Recht-Vorgaben nicht mehr entziehen. Behörden ahnden Verstöße gegen Werbe-Transparenz immer häufiger, wobei nicht nur Influencer, sondern auch Werbekunden und Agenturen haften können.
- Compliance jetzt essenziell: Creator und Agenturen sollten proaktiv Maßnahmen ergreifen, um den DSA-Anforderungen gerecht zu werden. Dazu gehören klare Werbekennzeichnungen, die Nutzung von Plattform-Tools und transparente Kommunikationsrichtlinien. Investitionen in Compliance minimieren rechtliche Risiken und stärken das Vertrauen.
Transparenzpflichten für VLOPs: Was müssen TikTok & Co. offenlegen?
Mit dem DSA hat die EU ein neues Kapitel der Plattformregulierung aufgeschlagen. Very Large Online Platforms (über 45 Mio. Nutzer) unterliegen nun strikten Transparenz- und Offenlegungspflichten. Die Idee dahinter: Die „Black Box“ großer Social-Media-Plattformen soll durchschaubarer werden – für Nutzer, Behörden und Geschäftspartner.
Konkret sehen die DSA-Vorgaben für VLOPs unter anderem wie folgt aus:
Werbetransparenz
- Plattformen müssen dem Nutzer bei jeder Werbeanzeige anzeigen, dass es sich um Werbung handelt.
- Sie müssen offenlegen, in wessen Auftrag die Anzeige geschaltet wurde und nach welchen Hauptkriterien der Nutzer diese Anzeige zu sehen bekommt.
- Bestimmte empfindliche Daten dürfen für personalisierte Ads nicht mehr genutzt werden (z. B. Targeting nach Religion, sexueller Orientierung oder politischen Ansichten).
- Werbung, die auf Kinder abzielt, ist ausdrücklich verboten.
- Für alle auf der Plattform geschalteten Anzeigen soll es ein öffentlich zugängliches Werbe-Archiv geben. Dieses Archiv muss Informationen zum Inhalt der Anzeige, zum Zielgruppentargeting und zum Werbetreibenden liefern sowie durchsuchbar sein.
Die Realität hinkt hier noch hinterher: Die EU-Kommission monierte jüngst, dass TikToks vorhandenes Ad-Archiv unzureichend ist, da diese Infos fehlen und keine umfassende Suchfunktion besteht. Auch X/Twitter stellte sich mit einem nur schwer zugänglichen „Werbe-Repository“ selbst ein Bein – laut EU ein Verstoß gegen die DSA-Pflichten.
Algorithmus- und Empfehlungssysteme
Die großen Plattformen müssen offenlegen, wie ihre Empfehlungsalgorithmen funktionieren. Nutzer haben ein Recht darauf zu erfahren, nach welchen Hauptparametern Inhalte sortiert, priorisiert oder gefiltert werden.
Außerdem schreibt der DSA vor, dass VLOPs mindestens eine Alternative zum personalisierten Feed anbieten müssen. Das bedeutet zum Beispiel: Instagram & Co. brauchen einen chronologischen Feed (oder Ähnliches), der nicht auf Profiling basiert. Diese Maßnahme soll den Nutzern mehr Kontrolle geben.
Für Influencer könnte dies jedoch bedeuten, dass virale Reichweitenwunder schwerer planbar werden, wenn mehr Nutzer auf ungefilterte Feeds umstellen. Andererseits müssen die Plattformen auch die Hauptfaktoren ihres Algorithmus offenlegen. Dies ist für Creator ein potenzieller Blick hinter den Vorhang, der hilft, Content-Strategien anzupassen (wenngleich Details und „Geheimsoße“ wohl weiterhin Betriebsgeheimnis bleiben).
Inhaltsmoderation & Berichtspflichten
Transparenzpflicht bedeutet auch, dass Plattformen ihre Content-Moderation nicht mehr im stillen Kämmerlein betreiben dürfen. Alle großen Dienste müssen ab Februar 2024 regelmäßige Berichte vorlegen, die Umfang und Methoden ihrer Moderation darlegen.
Dazu zählen Zahlen zu gemeldeten Posts, entfernten Inhalten, eingesetzten Moderationsteams und automatisierten Filtersystemen. VLOPs müssen diese Berichte sogar halbjährlich veröffentlichen. Darin müssen sie zum Beispiel offenlegen, wie groß ihr Team für Inhaltskontrolle ist, welche Qualifikation es hat und welche Sprachen abgedeckt werden.
Diese Vorgabe hat bereits konkrete Folgen: Als X in seinem ersten DSA-Transparenzbericht angab, die Zahl der Content-Moderatoren um fast 20 % reduziert zu haben (und nur noch 7 statt 11 EU-Sprachen abzudecken), forderte die EU umgehend Erklärungen. Hier zeigt sich: Plattformen werden künftig an ihren Ressourcen für Trust & Safety gemessen, und Personaleinsparungen bei der Moderation können zum Compliance-Problem werden.
DSA-Transparenz-Datenbank
Entfernt eine Plattform Inhalte wegen Rechtsverstößen, muss sie dies künftig in eine von der EU geführte Datenbank eintragen – mitsamt Begründung nach DSA-Kriterien. Damit entstehen öffentlich einsehbare „Entfernungstagebücher“.
Für Creator mag das zunächst abstrakt klingen, aber es trägt zu einem level-playing field bei: Willkürliche oder intransparente Löschaktionen großer Plattformen sollen auffallen. Im Zweifel können Influencer, deren Beiträge gelöscht wurden, so besser nachvollziehen, ob alles mit rechten Dingen zuging. Ergänzend schreibt der DSA vor, dass Nutzer verständlich informiert werden müssen, warum ihr Post entfernt oder ihr Account gesperrt wurde, und wie sie dagegen Beschwerde einlegen können. Gerade Influencer, die auf Social Media ihr Business aufbauen, wissen: Ein gelöschter Post oder Schattenbann ohne Erklärung kann frustrierend sein – hier schafft der DSA nun Rechte auf Transparenz und Widerspruch.
Zusammengefasst zwingt der DSA die großen Plattformen zu deutlich mehr Offenheit. Für digitale Unternehmer – ob Brand oder Creator – bedeutet das bessere Einsicht in Spielregeln, aber auch neue Komplexität. Wer die neuen Transparenz-Tools zu nutzen weiß (z. B. Werbe-Bibliotheken auswerten, Algorithmus-Infos lesen), kann daraus strategische Vorteile ziehen. Gleichzeitig ist klar: Die goldenen Zeiten, in denen man sich auf undurchsichtige Mechanismen verlassen (oder deren Grauzonen ausnutzen) konnte, gehen zu Ende. EU-Plattformregulierung macht Ernst mit Accountability.
Auswirkungen auf Influencer-Marketing: Werbekennzeichnung, Reichweite, Content-Moderation
Was bedeuten diese neuen Pflichten nun konkret für das Influencer-Marketing und die tägliche Arbeit von Creatorn, Influencer-Agenturen und Marketingabteilungen? Es sind Chancen und Herausforderungen zugleich:
Werbekennzeichnung und Transparenz
Schon bisher galt im Influencer Marketing Recht: Werbung muss als solche gekennzeichnet sein. Das ist kein DSA-exklusives Gebot, sondern schon lange im UWG (Gesetz gegen unlauteren Wettbewerb) und EU-Verbraucherschutzrecht verankert. Neu ist jedoch der Kontext strikter Durchsetzung. Der DSA hat Werbe-Transparenz zum Prinzip erhoben – Plattformen werden dieses Prinzip auch von ihren Nutzern einfordern (müssen).
In der Praxis ist zu erwarten, dass Social-Media-Plattformen Tools und Hinweise verstärkt einsetzen, um Influencer zur korrekten Kennzeichnung zu drängen. Versteckte Werbung – sei es in Form eines scheinbar spontanen Posts, der in Wahrheit gesponsert ist, oder durch verschleierte Affiliate-Links – wird noch konsequenter als illegaler Inhalt eingestuft und von Plattformen entfernbar sein. Tatsächlich stuft die EU-Kommission Influencer, die im geschäftlichen Auftrag posten, als „Traders“ (Gewerbetreibende) ein und verlangt volle Transparenz kommerzieller Kommunikation. Ein Verstoß (fehlende Kennzeichnung) gilt als irreführende Geschäftspraxis und kann behördliche Strafen nach sich ziehen.
Die Zahlen sprechen Bände: In einer EU-weiten Überprüfung erfüllten Ende 2023 rund 75 % der geprüften Influencer-Posts nicht die vorgeschriebenen Werbekennzeichnungen – eine Quote, die die Alarmglocken läuten ließ. Die Botschaft ist klar: Hier wird aufgeräumt. Influencer und ihre Managements sollten daher ab sofort jedes Posting auf Herz und Nieren prüfen, ob irgendwo ein werblicher Zweck vorliegt – und diesen glasklar markieren.
Algorithmische Reichweite und Content-Distribution
Die Frage „Wie knacke ich den Algorithmus?“ beschäftigt jede/n Social-Media-Akteur/in. Der DSA könnte diese Spielregeln verändern. Zum einen durch die Einführung von nicht-personalisierten Feeds. Sollte eine relevante Zahl von Usern zum Beispiel auf TikTok vermehrt den „Folge ich“-Feed (statt „Für dich“) nutzen, könnte die virale Wucht von TikToks Empfehlungsalgorithmus etwas gebremst werden.
Zum anderen zwingt der DSA die Plattformen zur Risikoanalyse: Sie müssen Risiken für Gesellschaft und Nutzer identifizieren (z. B. Desinformation, Aufstachelung, auch betrügerische Werbung) und mindern. In der Praxis könnte dies bedeuten, dass gewisse Inhalte vom Algorithmus aktiv heruntergestuft werden. Dies betrifft beispielsweise extrem politisch aufgeladenes Material oder systematisch als schädlich identifizierte Trends. Influencer im Graubereich müssen damit rechnen, stärker unter der Lupe zu stehen; ihre Reichweite könnte durch Plattform-Maßnahmen eingeschränkt werden.
Umgekehrt: Legale, aber vielleicht früher von Trollen massenhaft gemeldete Inhalte haben nun bessere Chancen, nicht ungerechtfertigt zu verschwinden – wegen der neuen Prüf- und Einspruchsrechte. Für seriöse Creator kann der DSA also auch Schutz bedeuten: weniger Chilling Effect durch willkürliche Löschungen.
Content-Moderation und Meinungsfreiheit
Viele Influencer kennen das Dilemma: Man postet etwas völlig Legales, doch die Plattform entfernt es oder versieht es mit einer Altersbeschränkung – oft automatisiert oder auf Zuruf von Hatern. Hier bringt der DSA tatsächlich Verbesserungen. Plattformen müssen klare Regeln haben und diese gleichmäßig anwenden, sonst drohen Strafen.
Vor allem aber: Es gibt ein Recht auf Begründung und Einspruch. Wenn ein Post gelöscht wird, muss die Plattform sagen, aufgrund welcher Regel und gegebenenfalls welches Gesetzes er unzulässig war. Und der Creator kann Beschwerde einlegen, erst intern, dann bei außergerichtlichen Stellen oder sogar bei der zuständigen Behörde, falls die Moderation willkürlich erscheint.
Diese formellen Rechte stärken die Position von Creatorn erheblich. Zwar bedeutet das nicht, dass jeder gebannte Account schnell wieder da ist – aber Plattformen geraten unter Zugzwang, ihre Moderationsentscheidungen sorgfältiger zu prüfen. Hier zeichnet sich ein Paradigmenwechsel ab. War man früher der Gnade der Content-Manager ausgeliefert, etabliert der DSA so etwas wie Verfahrensgrundrechte auf Social Media. Für Influencer, deren Einkommen von ihrer Sichtbarkeit abhängt, kann das Gold wert sein.
Allerdings: Auch die Pflichten wachsen. Wer etwa wiederholt illegale Inhalte postet, muss mit härteren Sanktionen rechnen (bis hin zur Kontosperre) – und die Plattformen sind nun angehalten, solche notorischen Verstöße EU-weit konsequenter zu melden und durchzugreifen.
Unterm Strich professionalisiert der DSA das Influencer-Marketing-Umfeld. Wildwuchs (sei es in Form von unkenntlich gemachter Werbung oder „Wild West“-Inhalten) wird eingehegt. Für seriöse Creator und Marken entsteht damit ein fairerer Wettbewerb: Transparenz und Compliance zahlen sich langfristig aus, während Tricksereien höheren Risiken unterliegen. Marketingverantwortliche tun gut daran, ihre Strategien jetzt auf diese neuen Leitplanken abzustimmen.
EU macht Ernst: Erste DSA-Durchsetzungen am Beispiel X/Twitter
Regelwerke sind nur so gut wie ihre Durchsetzung. Die EU hat daher nicht lange gefackelt: Schon kurz nach Inkrafttreten der DSA-Pflichten wurden die prominentesten Player genau unter die Lupe genommen. Allen voran X (ehemals Twitter), wo unter Elon Musk bekanntermaßen radikal Personal und Richtlinien umgekrempelt wurden.
Die EU-Kommission eröffnete im Dezember 2023 ein Verfahren gegen X – das erste seiner Art unter dem DSA. Die Vorwürfe lesen sich wie ein Lehrbuch der neuen Pflichten:
- Unzureichendes Risikomanagement & Moderation: X soll kaum vorausschauend gegen systemische Risiken (z. B. Desinformation) vorgegangen sein und die eigenen Moderationskapazitäten heruntergefahren haben. Die EU fragte detailliert nach internen Dokumenten, warum X die Zahl der Moderatoren in der EU um 20 % reduziert hat und viele Sprachen nicht mehr abdeckt.
- „Dark Patterns“ und Irreführung der Nutzer: Der DSA verbietet manipulatives Design, das Nutzer zu ungewollten Handlungen verleitet. Bei X stand hier vor allem das neue Blue-Check-Abo in der Kritik. Aus Sicht der EU war dies ein potenziell irreführendes System, da Nutzer einen Account als vertrauenswürdig „verifiziert“ ansehen, obwohl es sich nur um zahlende Kunden handelt.
- Werbetransparenz und Datenzugang für Forschung: Hier hat X offenbar besonders gepatzt. Der DSA verlangt ein frei zugängliches, gut durchsuchbares Werbeanzeigen-Archiv. Die Kommission bemängelte, dass X kein ordentliches, durchsuchbares Anzeigen-Repository bereitstelle, sondern die Auswertung durch Design-Hürden und Zugangsbarrieren erschwere. Ebenfalls kritisch: X schottete seine Daten vor unabhängiger Forschung ab, entgegen der DSA-Vorgabe, wichtigen Datenzugang für Prüfzwecke zu ermöglichen.
Die Konsequenzen? X erhielt im Juli 2024 ein offizielles “Statement of Objections” (vorläufige Feststellungen der Verstöße). Sollte die Kommission bei ihrer Einschätzung bleiben, drohen X empfindliche Strafen – bis zu 6 % des weltweiten Jahresumsatzes. Außerdem könnte X zu Abhilfemaßnahmen verdonnert werden, und bei weiterer Nicht-Einhaltung drohen täglich Strafgelder.
Parallel laufen Untersuchungen gegen weitere große Plattformen wie TikTok und Meta/Facebook. Die Botschaft der EU ist unmissverständlich: Man will Exempel statuieren, dass der DSA kein zahnloser Tiger ist. Gerade gegenüber US-Tech-Giganten demonstriert Brüssel Selbstbewusstsein. Für Influencer, Agenturen und Unternehmen, die Social Media nutzen, haben diese Durchsetzungen indirekt auch Wirkung: Sie zeigen, dass die Zeiten des Laissez-faire vorbei sind. Die strikte Durchsetzung sorgt für mehr Rechtssicherheit, erhöht aber auch den Compliance-Druck auf alle Beteiligten im Influencer-Marketing-Ökosystem.
Haftungsrisiken für Agenturen und Management – worauf achten?
Lange Zeit konnten sich Marken und ihre Werbeagenturen im Influencer-Marketing etwas entspannt zurücklehnen, frei nach dem Motto: „Für Rechtsverstöße haftet doch der Influencer selbst – wir haben ja nur beauftragt.“ Diese Haltung trägt im neuen Regime ein hohes Risiko. Agenturhaftung im Social Media Bereich wird realer.
Erstens haben Behörden und Gerichte in Europa klargestellt, dass bei Schleichwerbung alle Beteiligten in der Verantwortung stehen. Die EU-Kommission selbst betont, dass nicht nur die Influencer („Traders“), sondern auch die dahinter stehenden Advertiser und Vermittler an die Transparenzpflichten gebunden sind. Sprich: Wenn eine Kampagne die Verbraucher täuscht, kann die Marke und unter Umständen die Agentur belangt werden. In Italien zum Beispiel verschickt die Wettbewerbsbehörde regelmäßig Warnschreiben an Influencer und ihre Agenturen, um auf die Kennzeichnungspflicht hinzuweisen. Und wie erwähnt, in Polen wurde ein Unternehmen selbst zur Kasse gebeten, weil es Influencer mit unklaren Hashtags arbeiten ließ. Solche Fälle schärfen das Bewusstsein: Agenturen können sich nicht darauf berufen, nur „vermittelt“ zu haben. Wer eine Kampagne steuert, haftet zumindest mit – etwa als „Mitstörer“ bei wettbewerbswidrigem Handeln.
Zweitens erweitern die neuen DSA-Regeln den Umfang möglicher Problemzonen. Beispiel: Eine Influencer-Agentur managt 50 Creator und nutzt vielleicht eigene Tools oder eine App, um Kampagnen auszuspielen. Sobald man allerdings selbst Plattform-Funktionen übernimmt (etwa das Organisieren von Inhalten Dritter), könnten theoretisch DSA-Pflichten als Hosting-Dienst relevant werden. Zwar sind klassische Influencer-Agenturen in der Regel keine Online-Plattformen im Sinne des Gesetzes, doch müssen sie höllisch aufpassen, nicht doch als solcher Dienst zu gelten (etwa, wenn User-generated Content auf Agenturwebsites gesammelt wird). Zudem: Falls Agenturen im Community-Management tätig sind (z. B. Kommentare moderieren im Auftrag), sollten sie die DSA-Vorgaben zur Moderation kennen. Löschen sie etwa im Namen eines Kunden Nutzerkommentare, ohne Grund und Erklärung, könnte das Konflikte mit den neuen Transparenzstandards bergen.
Drittens: Vertragliche Haftung. Große Marken, sensibilisiert durch die Regulierung, werden in Verträgen mit Agenturen und Influencern verstärkt auf Compliance-Klauseln dringen. Wer als Agentur einem Kunden verspricht, dass alle Kampagnen DSA-konform sind, begibt sich in die Pflicht. Bei Verstößen drohen nicht nur Bußgelder von Behörden, sondern auch Schadensersatzforderungen oder Vertragsstrafen von Auftraggebern. Beispiel: Ein Modehersteller lässt eine Influencer-Kampagne von einer Agentur koordinieren. Später stellt sich heraus, einige Posts waren nicht als Werbung gekennzeichnet und die Verbraucherschutzbehörde verhängt ein Bußgeld gegen den Hersteller. Dieser wird sich dann bei der Agentur regressieren, wenn der Vertrag entsprechende Zusicherungen enthielt.
Fazit für Agenturen/Managements: Sie müssen ihre Rolle vom bloßen Vermittler hin zum Compliance-Manager erweitern. Die Due-Diligence-Pflichten im Influencer Marketing steigen. Das bedeutet: Schulungen für Influencer in Kennzeichnung, interne Checklisten vor Post-Veröffentlichung, vertragliche Absicherungen (Influencer zusichern lassen, dass sie keine unlauteren Methoden nutzen), Monitoring der veröffentlichten Inhalte und schnelle Korrektur bei Verstößen. Das Risiko- und Reputationsmanagement sollte entsprechend justiert werden.
Compliance-Maßnahmen: Wie Creator und Agenturen den DSA-Anforderungen gerecht werden
Angesichts der neuen Rechtslage stellt sich für Creator, Influencer und ihre Agenturen/Manager die Frage: Was ist zu tun, um auf der sicheren Seite zu sein? Hier einige praxisorientierte Empfehlungen:
- Werbung immer eindeutig kennzeichnen: Dieser Punkt kann nicht oft genug betont werden. Jede Form von Kooperation, Produktplatzierung oder Entgelt (auch kostenlose Samples!) muss als Werbung erkennbar sein. Am besten zu Beginn des Posts oder Videos deutlich “Werbung” oder “Anzeige” schreiben. Hashtags wie #ad, #advertisement oder im Deutschen #Werbung, #Anzeige sind hilfreich – aber nur als Ergänzung, nicht versteckt zwischen 20 anderen Hashtags. Ein durchschnittlicher Follower muss auf den ersten Blick kapieren, dass es sich um einen werblichen Inhalt handelt.
- Plattform-Tools nutzen: Die meisten Social-Media-Plattformen stellen inzwischen eigene Kennzeichnungsfunktionen bereit – etwa „Bezahlte Partnerschaft mit “ Tags auf Instagram oder die Möglichkeit auf YouTube, einen Hinweis „enthält bezahlte Werbung“ einzublenden. Diese Tools sollten unbedingt verwendet werden, da sie nicht nur Transparenz schaffen, sondern oft auch im Backend der Plattform melden, dass es sich um einen Werbe-Post handelt. Dies kann relevant sein, damit der Post korrekt ins Werbe-Archiv der Plattform einsortiert wird (Stichwort: Transparenzpflicht Influencer in der Plattform-Datenbank).
- Zielgruppenschutz und Datencheck: Creator, die besonders Jugendliche oder vulnerable Gruppen ansprechen, sollten sich bewusst sein, dass die EU Kinder besonders schützt. Inhalte, die eindeutig auf Kinder abzielen, dürfen nicht mehr mit personalisierter Werbung monetarisiert werden. Agenturen sollten bei Kampagnen darauf achten: Wenn ein Produkt an Teens vermarktet wird, lieber kontextuelle Platzierungen wählen als Microtargeting nach Altersgruppe – Letzteres kann gegen den DSA verstoßen.
- Algorithmus-Verständnis und Diversifikation: Durch die neuen Recommender-Regeln (Algorithmus-Offenlegung, Option ohne Profiling) erhalten Creator eine Chance, ihr Publikum auf verschiedenen Wegen zu erreichen. Es kann sinnvoll sein, die eigene Community aktiv zu informieren oder auf anderen Kanälen (Newsletter, alternative Plattformen) präsent zu sein, um nicht allein vom Algorithmus eines Anbieters abhängig zu sein. Zugleich sollten Creator die veröffentlichten Informationen über Algorithmus-Faktoren studieren.
- Dokumentation und Monitoring: Agenturen sollten für jede Kampagne Compliance-Dokumentation führen: Wurden alle Posts korrekt gekennzeichnet? Wurden die Influencer vorher zu Dos and Don’ts gebrieft? Gibt es Screenshots/Belege der Kennzeichnung? Nach dem Launch ist ein Monitoring ratsam, zum Beispiel stichprobenartig prüfen, ob die Influencer nicht doch vergessen haben, einen Story-Frame zu labeln. Bei Verstößen ist sofort zu reagieren.
- Rechtsbeobachtung und Schulung: Das Feld DSA für Creator und Plattformrecht entwickelt sich weiter. Es schadet nicht, regelmäßige Updates zu verfolgen, sei es via Fachblogs oder durch Austausch in Branchenverbänden. Agenturen sollten erwägen, ihre Mitarbeiter und Talente in den Grundlagen schulen zu lassen. Ein Compliance-Guide kann erstellt werden, der die wichtigsten Punkte zusammenfasst. Auch ein Krisenplan gehört dazu: Was tun, wenn ein behördliches Schreiben ins Haus flattert?
Zusammenfassend: Compliance ist King in der neuen Ära des DSA. Wer jetzt die extra Meile geht, um Transparenz und Regelkonformität sicherzustellen, wird mittel- und langfristig profitieren. Nicht nur werden Bußgelder und rechtliche Streitigkeiten vermieden; auch die Reputation bei Followern und Kunden verbessert sich. Der Digital Services Act trägt dazu bei, den Wilden Westen des Influencer-Marketings in geordnete Bahnen zu lenken – zum Wohle aller ehrlichen Marktteilnehmer.
Fazit: Eine neue Ära für Influencer-Marketing und Plattformen
Der DSA markiert einen Wendepunkt: Die großen Social-Media-Plattformen werden erwachsen – sie stehen unter Aufsicht und müssen Verantwortung übernehmen. Für Creator, Influencer, Agenturen und Marketingabteilungen bedeutet das mehr Klarheit, aber auch mehr Verantwortlichkeit.
Influencer Marketing Recht wird europäisch harmonisiert und verschärft: Intransparentes Gebaren kann sich niemand mehr leisten, ohne Konsequenzen zu riskieren. Gleichzeitig eröffnen die Regeln Chancen für faireres Wachstum und Planungssicherheit. Die digitale Aufmerksamkeitsökonomie bleibt dynamisch, und Regulierung ist nur ein Rahmen – ausgefüllt wird er von den Akteuren.
Unternehmer:innen im Digital-Business sollten den DSA als Weckruf verstehen, jetzt ihre Hausaufgaben zu machen. Wer frühzeitig compliant ist, kann ihn sogar zum Wettbewerbsvorteil ummünzen. Es liegt an Creatorn und Unternehmen, diese Werte nicht als Last, sondern als Grundlage für nachhaltigen Erfolg anzunehmen.
Häufig gestellte Fragen
Was ist der Digital Services Act (DSA) und wen betrifft er?
Welche neuen Transparenzpflichten ergeben sich für sehr große Online-Plattformen (VLOPs) durch den DSA?
Wie wirkt sich der DSA auf Influencer-Marketing und Werbekennzeichnung aus?
Welche Rechte haben Nutzer und Creator bezüglich der Content-Moderation durch Plattformen?
Warum ist Compliance mit dem DSA für Creator und Agenturen jetzt essenziell?
